Ein Kleid für M
Wenn eine Kundin bei mir ein Kleid bestellt, beginnt der Prozess lange bevor ich den ersten Stich nähe.
Sie liebt die Art, wie ich Stoffe gestalte: aus alten Textilien, handgefärbten Stoffstücken, aufgenähten Spitzenresten, kombiniert mit Handstickerei und Maschinenstickerei. Jedes Material trägt seine eigene Geschichte in sich – und gemeinsam dürfen daraus neue entstehen.
Zu Beginn sprechen wir über die Grundform des Kleides. Sie soll ihrer Figur schmeicheln und gleichzeitig der Gestaltung genügend Raum geben. Meine Kundin wählt die Farben und erzählt mir, was sie sich wünscht – und auch, was nicht. In diesem Fall sind Grün, Blau und ein Hauch Orange gesetzt. Menschliche Figuren oder Schrift möchte sie nicht auf ihrem Kleid. Blumen, Tiere oder abstrakte Formen hingegen sind willkommen.
Alles andere überlässt sie mir.
Diese Freiheit ist für mich eine wichtige Voraussetzung. Ich muss intuitiv arbeiten können, Materialien kombinieren, ausprobieren, verwerfen und neue Ideen entstehen lassen.
Schon während ich die Stoffe auswähle, beginnt sich in mir ein inneres Bild zu formen. Es ist noch vage, eher ein Gefühl als ein fertiger Entwurf. Mit jedem Stoffstück, jeder Naht und jedem Detail wird klarer, wohin die Reise geht.
Handgestickte Linien kommen hinzu. Die Kakteenmotive aus einem kleinen Designstoffrest verwandeln sich in grafische, fast blütenartige Formen. Drei Vögel aus einem wunderschönen Seidenfoulard finden ebenfalls ihren Platz auf dem Kleid. Es ist ein Reststück – das Foulard selbst habe ich vor langer Zeit zu einem Oberteil für mich verarbeitet. Ich mag diesen Gedanken, dass Materialien weiterleben und Teil von etwas Neuem werden.
Stück für Stück wachsen Vorder- und Rückseite des schlicht geschnittenen Kleides zu einem kleinen Kunstwerk zusammen.
Dann kommt der Moment der Anprobe. Erst jetzt kann ich Armausschnitt, Halsausschnitt oder die Länge ganz genau auf die Trägerin abstimmen. Danach erhält das Kleid seine letzten Handgriffe und wird fertiggestellt.
Besonders wichtig ist mir, dass während des ganzen Prozesses Raum für spontane Eingebungen bleibt. Oft erzählen mir die Stoffe selbst, wohin sie möchten.
Als ich die Vögel in den Händen halte, denke ich an ihre Leichtigkeit. An diese kleinen, farbenfrohen Wesen, die wie fliegende Kunstwerke wirken und sich scheinbar mühelos von der Erde erheben. Irgendwie passen sie zu M.
Auch die Kakteen bedeuten für mich mehr als nur ein schönes Motiv. Sie zeigen, wie man sich schützen und abgrenzen kann. Sie überstehen lange Zeiten mit wenig Wasser, trotzen widrigen Umständen und bewahren dennoch ihre Kraft. Und wenn die Zeit reif ist, überraschen sie mit einer Blüte von unglaublicher Schönheit.
Zwischen all den Stoffen findet auch ein kleines Stück Textil aus den 1950er-Jahren seinen Platz. M. liebt Antiquitäten, gutes Design und jene besondere Mischung aus Eleganz und kunstvollem Kitsch. Sie trägt mutige Farbkombinationen mit einer Selbstverständlichkeit, die ich bewundere, und auch ihr Zuhause erzählt genau diese Geschichte.
So entsteht das Kleid nicht nur aus Stoffen, Farben und Stichen. Es wächst aus meinen Gedanken über M., aus meinen Beobachtungen und aus dem, was ich während des Arbeitens über sie empfinde. Nach und nach kommen Details hinzu, die vielleicht nicht sofort ins Auge fallen – die aber genau zu ihr passen.
So trägt jedes Kleid am Ende nicht nur meine Handschrift, sondern auch ein Stück meiner gedanklichen Zuwendung – leise eingearbeitet zwischen Stoffen, Farben und Stichen.





Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Ich freue mich auf dein feedback!