Metabolismus - Ateliertagebuch

 Ich widme mich den Linien auf eine neue Weise. Während meiner «Entspannungs-Zeichnen-Zeit» entstehen ruhige, klare Ein-Linien-Formen. Ich merke, wie gut sie mir tun. Sie wirken harmonisch und ausgleichend und erlauben mir, langsam zu arbeiten – in unzähligen Variationen. Ich kann nicht genug davon bekommen. Irgendwie bringen sie mein Inneres zum Klingen. Sie erinnern mich an Musik, an Schwingungen. Ich schliesse die Augen, setze den Stift aufs Papier und lasse ihn in einer einzigen Linie darüber gleiten. Aus ihren Kreuzungen entstehen neue Formen.

 Die Figuren ergänze ich mit zarten Aquarellfarben, meist zweifarbig und reduziert. Wenig. Es entschleunigt. Es ist meditativ. Irgendwie erinnert es mich an Kandinsky.

Wenn ich die entstandenen Karten betrachte, schwingt etwas in mir mit. Ich stelle mir diese Linienfiguren in gross vor – Gemälde von der Grösse eines Tisches.

Nun entsteht ein «Vlies»: ein Stück schweres, handgewobenes Leinen. Darauf schöpfe ich eine Papiermasse aus eingeweichten Tagebuchnotizen. Etwas Vergangenes verwandelt sich in etwas Neues.

Aufgenähte afrikanische Samen symbolisieren dieses Neue – die Kraft, die noch verborgen ist. Das Annähen und Fixieren erfordert eine besondere Technik. Ich habe sie nicht selbst erfunden, doch die Ausführung ist meine eigene. Es entsteht ein Netz, das hält und zugleich dekorativ wirkt.

Ich ergänze das Vlies mit einem Stoffstreifen aus einer alten Krawatte. Sie steht für Angepasstsein, für «Spiessertum». Ich musste sie zerschneiden, sie verkürzen, gewissermassen eindämmen. So bildet sie einen bereichernden Kontrast zum groben Leinen.

Die schlichte Handstickerei auf dem Leinen stammt vermutlich von einer Schülerhand. Vielleicht war es einst ein Übungsstück im Handarbeitsunterricht – die ersten Stickstiche, vielleicht aus den 50er-Jahren. Ich frage mich, was dieses Mädchen damals gedacht haben mochte, während es seine Linien stickte. Während ich die Stoffe mit feinen Handstichen zusammennähe, summe ich leise vor mich hin.

Die Linienformen meiner Vorübungen trage ich inzwischen in mir. Auf das getrocknete Papier werde ich eine neue, spontane Linienfigur zeichnen und sie anschliessend mit zarten Acrylfarben bemalen. 


Nach einigen Tagen des wiederholten Betrachtens merke ich, dass das Werk noch nicht stimmig ist. Die Linienfigur ist zu wenig subtil. Im Vergleich zu den aufgenähten Samen wirkt sie zu einfach, zu leicht erfassbar. Sie trägt kein Geheimnis in sich.

Also werde ich sie übermalen.

Es ist geschehen. Ich habe den Mut aufgebracht, das bereits Entstandene noch einmal zu «stören».

Durch das teilweise Übermalen wurden Harmonie, Klarheit und das leicht Erfassbare überdeckt. Einerseits habe ich etwas zerstört, andererseits wirkt die Fläche nun lebendiger. Es ist Spannung entstanden.

Nun braucht das Bild erneut meine Aufmerksamkeit. Das zufällig Entstandene, das Kraftvolle, möchte ich behutsam klären. Mit kleinen Eingriffen, feinen Details, die dem Auge Halt geben, ohne alles zu erklären.

Nach und nach entstehen Andeutungen von Häusern, dächerartige Formen. Sie passen zu meiner inneren Phase des Suchens – nach einem Ort der Geborgenheit, nach dem Raum, in dem ich bei mir selbst sein kann.

Aus der leicht verschobenen Mitte strahlt ein sonnenartiges Formelement hervor. Es erinnert mich an all das Gute, das ich erfahren durfte, an das, was mir den Weg weist. An meine Intuition, die mich führt.


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