Übermalen statt neu beginnen – Die Geschichte eines Fischbildes

Manche Bilder sind nie wirklich fertig. Sie begleiten mich über Jahre, verändern ihre Bedeutung und wachsen mit mir mit. Dieses Bild ist eines davon.

Der Anfang: Ein Auftragsbild mit Fischen


Das Gemälde entstand ursprünglich als Auftragsarbeit. Die Vorgaben waren bewusst offen: ein bestimmtes Format und der Wunsch nach „etwas mit Fischen“. Eine unbedingte Freiheit, die Raum für meine künstlerische Interpretation liess.

Die Kundin mochte das fertige Bild eigentlich sehr. Lediglich mit der Figur im rechten Bildteil – einem Wassermann – konnte sie sich nicht ganz anfreunden.

Ich selbst hatte jedoch von Anfang an das Gefühl, dass das Bild noch nicht ganz stimmte.

Es war mir zu harmonisch, fast zu ruhig. Deshalb hatte ich damals diese kleine Geschichte eingebaut: Eine Nixe hängt an einem Angelhaken, während aus dem Hintergrund ein grosser Wassermann auftaucht – als kraftvolle Figur, die sie retten könnte. Ein kleines Drama unter der Wasseroberfläche.
Und doch blieb etwas unausgesprochen.


Warum ich ein Bild übermale

Manchmal weiss man erst Jahre später, was einem an einem Bild gefehlt hat.
Dieses Gemälde hat mich nie losgelassen. Es war irgendwie nicht aus mir „herausgewachsen“, eher fast konstruiert. Also habe ich beschlossen, es nicht einfach zu akzeptieren, sondern weiterzumalen.

Ich übermale das Bild allerdings nicht vollständig. Alte Farbflächen, Strukturen und Spuren dürfen sichtbar bleiben. Gerade sie eröffnen neue Möglichkeiten. Sie regen meine Fantasie an und führen mich zu Formen, auf die ich vorher nie gekommen wäre.

Ich empfinde das Übermalen nicht als Zerstörung, sondern als Weiterentwicklung. Das alte Bild verschwindet nicht – es wird Teil von etwas Neuem.

Die Unterwasserwelt als Spiegel des Inneren

Dass das Fischthema erhalten bleibt, ist kein Zufall.

Unter Wasser zu sein bedeutet für mich, ins Unbewusste einzutauchen. Im Moment träume ich viel. Alte Erinnerungen und Verhaltensmuster tauchen auf und möchten angeschaut werden. Es geht nicht darum, sie loszuwerden, sondern sie besser zu verstehen und in mein Leben zu integrieren.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Inhalt dieses Bildes.


Eine versunkene Stadt

Während des Malens entstand eine einfache dunkle geometrische Form.

Für mich erinnert sie an die Ruinen einer versunkenen Stadt. Vielleicht wurde sie einst von Menschen gebaut. Heute leben dort Fische zwischen Mauern und Bögen. Pflanzen und Algen überwuchern die alten Steine.

Die Natur verwandelt alles. Nichts bleibt so wie es ist.
Dieses Bild erzählt deshalb auch von Transformation. Altes wird nicht ausgelöscht, sondern aufgenommen, verändert und wird Teil von etwas Neuem. Genau so erleben wir oft auch unsere eigenen inneren Prozesse.
 


Alles bleibt in Bewegung

Im Laufe der Arbeit tauchten zwei grosse Quallen auf. Sie schweben ruhig durch den Bildraum und bilden einen Gegenpol zu den vielen Fischen, die teilweise nur noch angedeutet sind – mehr Bewegung als Körper.

Mich fasziniert dieses Zusammenspiel von Gegensätzen:
* Licht und Dunkel.
* Gross und Klein.
* Flächige Ruhe und bewegte Linien.
* Klar erkennbare Formen und offene Andeutungen.

So entsteht Lebendigkeit.
Das fertige Bild zeigt für mich keinen statischen Zustand, sondern einen fortlaufenden Prozess. Einen Prozess, der dem ähnelt, was auch in meinem Inneren geschieht.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich dieses Bild noch einmal malen musste.


Was siehst du?

Mich interessiert immer wieder, wie unterschiedlich Bilder wahrgenommen werden.
Welche Geschichte erzählt dir dieses Bild? Ich freue mich darauf, deine Gedanken in den Kommentaren oder per Nachricht zu lesen.



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